Illusion

Titel: Illusion
Autor: Robyn Skye
Verlag: Books On Demand
Seitenzahl: 122

Genre: Kurzgeschichten, Gedichte

Klappentext

„Mit Illusion legt Robyn Skye seine erste Solo-Gedankensammlung vor. In Kurzgeschichten und lyrischen Texten zeichnet er auf seine direkte Art die Sehnsucht nach Liebe und einer gerechten Welt, im Angesicht der Finsternis.“

Langrezi

Jeder hat eine Vielzahl an Gedanken. Negative wie positive. Über Dinge, die einen wütend machen genauso wie Träume oder Leidenschaften. Sie behandeln Situationen, wie sie sein sollten, und Themen, die an- oder aufregend sind. Das gilt für jeden Menschen und ist demzufolge auch erst mal weder ungewöhnlich noch problematisch. Die allermeisten Gedanken der allermeisten Menschen bekommt man nie zu Gesicht, und das hat auch einen Grund. Der wird leider in Illusion sehr deutlich.

Der Autor

Der Autor ist auf Instagram unterwegs und zeichnet sich häufig durch kontroverse Meinungen und vor allem durch eine sehr direkte, in meinen Augen immer wieder auch den Themen unpassende Ausdrucksweise aus. Demzufolge war ich gespannt, wie sein zweites Buch (das erste, das ich von ihm gelesen habe), geworden ist. Ich habe versucht, unvoreingenommen an die Sache heranzugehen, aber es dauerte nicht lange, bis ich die ersten Klischees bestätigt sah.

Inhalt – Die Gedichte

Jetzt habe ich lange genug drumherumgeschrieben, um was es eigentlich geht. Illusion ist, wie der Autor es selbst bezeichnet, eine Gedankensammlung. Es finden sich Gedichte und Kurzgeschichten darin. Um ersteres zu beschreiben, zitiere ich einfach die gute Julia:
Es
ist
kein
Gedicht,
nur
weil
man
es
untereinander
schreibt.
Durch die Bank weg alle „lyrischen“ Texte sind sehr einfach geschrieben, wenn sprachliche Bilder gewählt werden, sind sie wirr oder platt. Es gibt keinerlei stilistische Kniffe, kein Reimschema – geschweige denn saubere Umbrüche. Da wird halt ein Wort mal mittendrin getrennt, wenn die Zeile zu Ende ist (S. 22, 45). Ich glaube nicht, dass das Absicht war. Wenn die Texte dann so einprägsame Titel tragen wie  „Diskriminierung“ oder „Egoismus“ (nicht zu verwechseln mit „Wir Egoisten“, ebenfalls dort zu finden), fühlt man sich zwar gut abgeholt vom Autor, spannend ist da aber wenig.

An dieser Stelle ein Hinweis: Ich habe das Buch in der ersten Auflage gelesen. Bereits wenige Tage nach der Erscheinung hat der Autor eine überarbeitete Version angekündigt, in der unter anderem der Buchsatz überarbeitet werden soll. Hätte man auch alles vorher zufriedenstellend machen können, aber sei‘s drum. Auf jeden Fall beziehe ich mich auf die erste Version.

Die Gedichte behandeln als Thema Diskriminierung und diverse menschliche Gefühle – von Eifersucht bis Sehnsucht. Ein bisschen pessimistische Weltsicht, geprägt durch negative Erfahrungen, wie der Autor auf Instagram berichtet, ist auch dabei, aber all das ist nicht neu, und es wird auch in keiner Weise innovativ angefasst. Im Gegenteil, es werden sogar ziemlich viele Klischees gekloppt.

Wenn der Autor den „alten weißen Mann“, der nur an Geld denkt, als Sinnbild für Ungerechtigkeit wählt (S. 22-23), kann man das natürlich machen, es ist aber irgendwie ausgelutscht. Und ich persönlich glaube nicht, dass man mit derartigen Klischees Leute wachrüttelt. Das ist für mich auf einem Level mit „Denkt an die Umwelt und lebt sparsamer!“ Die Botschaft ist richtig, die Art der Übermittlung verpufft bestenfalls. Schlechtestenfalls regt es Leute auf, weil es zu einfach gedacht ist.

In dem angesprochenen Gedicht, „Egoismus“, sind übrigens auch meine Lieblingszeilen des Buches:
„Du siehst Menschen als Zahlen?
Mensch ist Mensch.
Ich kann deine Hirnzellen
An einer Hand abzählen.
Ein Feuer des Hasses strömt aus dir,
Hass auf die, die durch Feuer alles ver-
loren. […]“ (S. 22)

Es ist schließlich für Diskussionen immer förderlich, Leute als dumm zu bezeichnen. Ansonsten, glaube ich, sind die Zeilen ein ganz gutes Beispiel für meine vorher angesprochenen Kritikpunkte.

Inhalt – Die Kurzgeschichten

In dem Werk findet sich allerdings nicht nur „Lyrik“, auch Kurzgeschichten sind darin verewigt. Die meisten behandeln, ganz grob gesagt, zwischenmenschliche Konflikte. Eine, die das nicht tut und daher etwas heraussticht, ist „Wahre Helden“. Darin geht es um eine Supermarktkassiererin, die sich in der Ich-Perspektive ein bisschen abfeiert für den Job, den sie macht. Auch da muss ich wieder klarstellen: Das Thema hat definitiv seine Relevanz. Aber die Art, wie diese Idee transportiert wird, ist aus meiner Sicht irgendwie unpassend.

Es wird kurz ein Klischee bedient, dass die Mutter ihren Kindern rät, sich in der Schule anzustrengen, um nicht so wie die Kassiererin zu enden, und am Ende bedankt sich ein Kunde bei der Frau, dass sie immer für die Leute da ist. Zwischendurch gibt es dann so bescheidene Sätze wie: „Die Menschen sind undankbar. Ohne mich wären sie hilflos.“ Getoppt wird das nur vom Einleitungssatz: „Helden werden eigentlich verehrt, und doch haben die Leute lange Zeit über mich gelacht.“ Dabei macht es vor allem die gewählte Perspektive erst so richtig schlimm und plump. Müsste ich die Geschichte in einem Bild beschreiben, wäre es eine Cartoon-Szene, wie Bugs Bunny dem Jäger mit einem überdimensionalen Hammer auf den Kopf haut. Der Wink mit dem Zaunpfahl 4.0.

Andere Geschichten thematisieren Probleme in der Gesellschaft mit Homosexualität. Wieder: wichtiges Thema, plumpe Umsetzung. Es ist teilweise unbeholfen geschrieben, die Dialoge sind bestenfalls in Ordnung – meistens aber ein bisschen klischeebehaftet. Eine Ausnahme ist da „Last Christmas“. Wer jetzt einen Ohrwurm hat: Der „Wham!“-Evergreen wird auch auf der bucheigenen Playlist aufgeführt. Zufall? Ich glaube nicht.

Auf jeden Fall geht es in der Geschichte um einen schwulen Buchhändler, der seinen Schatz verloren hat und an Weihnachten ziemlich melancholisch durch die Gegend streift, bis er jemanden trifft, dem er helfen kann – ein Junge, der sich geoutet hat und dann am Heiligen Abend von der Familie rausgeworfen wurde. Hier schafft der Autor es ansatzweise, Gefühle zu transportieren. Sie treibt jetzt kein Pipi in die Augen, aber war für mich die beste Geschichte im Buch.

Dieser Erzählung im übertragenen Sinne direkt gegenüber stehen „Snow & Jus“ und „Die Geschichte der Königin“. Beide sind Prequels zu einem Roman, an dem der Autor arbeitet. Bei dem Grundplot habe ich mich ein bisschen an Schneewittchen erinnert gefühlt. Eine Königin, Stiefmutter und Hobbyhexe, ist eifersüchtig auf den Jungen aus früherer Ehe. Der hat Haare, so weiß wie Schnee – daher der Name Snow. Der König stirbt, der Junge ist weitgehend eingesperrt in seinen Gemächern. Vielleicht interpretiere ich da zu viel rein, aber ich habe zeitweise nur auf die Zwerge gewartet.

Die Geschichten selbst sind relativ belanglos. Bei „Snow & Jus“ freunden sich Snow und Jus, der eigentlich der Butler des Jungen sein soll, an. Bei „Die Geschichte der Königin“ gibt es ein bisschen Einblick in ihre Gedankenwelt und ihren Konflikt mit Snows Vater. Außerdem wird überdeutlich, dass sie böse ist. Als Ergänzung zum Roman sicher nicht verkehrt, obwohl beide jetzt nicht die wahnsinnigen Infos liefern, für sich genommen aber einfach wenig spannend und wieder recht platt geschrieben.

Ein Beispiel aus „Snow und Jus“: „Meine Mutter, die Königin, blickte mich erfreut an, und ich fragte mich, ob sie schon wieder einen Mann gefunden hatte und hier war, um ihn mir zu präsentieren. Ihre letzten waren nämlich auf mysteriöse Art und Weise verschwunden.
‚Snow, mein Engel‘, begann sie. ‚Ich habe hier einen Mann bei mir.‘“ (S. 47)

Fehler

Der Autor hat noch einmal extra seine Lektorin auf Instagram gelobt; sie hat wohl im Vorfeld auch eine Menge Fehler beseitigt. Abgesehen von den genannten Schwächen hätte ich mir aber auch wirklich sehr eine Korrektorin für das Werk gewünscht (einen Dienst, den die Lektorin wohl auch anbietet). Es geht schon im Vorwort los und dauert genau fünf Wörter bis zum ersten Fehler.
„Liebe Leser*in,
dieses Buch, Illusion. ist für mich wie ein Tagebuch gewesen […]“ (S. 6)
Und so geht es leider weiter. Allein in der Playlist sind zwei! (Bei „Wham!“ fehlt das Ausrufezeichen, bei „Fall Out Boy“ der Gedankenstrich zwischen Songtitel und Bandname). Im Buch sind wirklich viele Rechtschreib- und Tippfehler zu finden, ich meine, irgendwo fehlten auch Wörter. Sowas kann passieren, wenn man das Buch aber so in den Druck gibt, wirkt es für mich einfach etwas lieblos. Als hätte man sich keine Mühe gemacht, nochmal drüberzuschauen.

Positives

Einen positiven Aspekt muss ich aber noch erwähnen. Und zwar hat der Autor mehrmals erklärt, alle Einnahmen von Illusion an den CSD in Freiburg zu spenden. Wie ich es verstanden habe, deckt er nicht mal die Kosten mit dem, was er über Illusion reinbekommt. Das ist wirklich lobenswert, auch wenn es keinen Einfluss auf meine inhaltliche Bewertung des Buches hat.

Fazit

Wie gesagt: Jeder hat verschiedenste Gedanken, und für mich passt der Untertitel „Gedankensammlung“ da auch wirklich gut, denn es liest sich auch so. Der Nachteil: Es liest sich auch so. Die Ideen sind nicht adäquat ausformuliert, es wurden nach meinem Empfinden viele Bilder aus dem Kopf 1:1 auf Papier gebracht, ungeachtet, ob man sie noch hätte nachschärfen oder generell verbessern können. Dass ich die 122 Seiten in rund einer Stunde durchgelesen hatte, spricht auch nicht für die Tiefe der Gedanken. 1 von 5 Sternen.

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