My Confessional

Titel: My Confessional
Autorin: Janet Devlin
Verlag: Omnibus Press
Erstveröffentlichung: 5. Juni 2020
Seitenzahl: 187
Genre: Biografie

Klappentext

„This is it.
Believe it or not, you’re holding my life in your hands. Not the picture-perfect version we’ve all become accustomed to, thanks to social media. This is my life as I’ve lived it – no filters.

Each chapter in this book unlocks a truth behind a song from my album Confessional. They span ten years of intense self-discovery married with a lot of self-sabotage. My broken brain has taken me to dark places both in my own head and in the real world. But with destruction comes creation. I genuinely hope that My Confessional does not personally resonate with you and that you’ve not been to the same Hell that I’ve come to call Home, but if you have let my life be proof that it all works out in the end. I see now that the world is truly what we make of it and everything happens for a reason. Or, at least, that’s what I tell myself.

Here lyeth my confessional of the sins I want so much to be free from – and to finally forgive myself for.

I confess.”

Langrezi

Die Autorin

Normalerweise starte ich eine Rezi nicht mit der Vorstellung der Autorin, aber da es sich hier um eine Biografie handelt und Janet Devlin sicherlich nicht so vielen Menschen hierzulande ein Begriff ist, scheint es mir nicht verkehrt zu sein.

Janet Devlin ist eine 26-jährige Singer-Songwriterin aus dem nordirischen Gortin. Im Jahr 2011 startete sie bei der britischen Variante der Castingshow „The X-Factor“ und kam dort unter die letzten acht. Danach forcierte sie – zunächst vor allem über Youtube – ihre Solokarriere. Und kürzlich hat sie ihr erstes Buch veröffentlicht, eben diese Biografie. Jetzt kann man die berechtigte Frage stellen, warum eine 26-Jährige bereits ihr Leben zu Papier bringt, vor allem mit einem bisweilen recht theatralisch klingenden Klappentext. Die Antwort ist relativ simpel: Die junge Frau hat mit verdammt vielen psychischen Problemen zu kämpfen. Man könnte auch sagen, sie hat fast nichts ausgelassen.

Aufbau

Parallel zum Buch ist Devlins zweites Soloalbum, „My Confessional“, erschienen. Da verarbeitet sie musikalisch, was sie bislang so erlebt hat, das Buch formuliert das Ganze noch weiter aus. Die einzelnen Kapitel tragen jeweils den Namen eines Liedes von dem Album, der Songtext ist auch noch einmal abgedruckt, um den direkten Zusammenhang deutlicher zu machen Die Kapitel sind in der Länge übersichtlich, teilweise auch nochmal thematisch unterteilt. 

Inhalt

Ich bin eigentlich kein großer Freund von Triggerwarnungen zu Beginn eines Buches, aber hier ist es wirklich angebracht. Man muss ehrlich sagen, Devlin hat in ihren 26 Lebensjahren fast nichts ausgelassen: Depression, Alkohol- und Pillenmissbrauch, suizidale Gedanken, selbstverletztendes Verhalten, Anorexie und Bulimie, dazu wohl erblich bedingte Schlafstörungen. Hinzu kommen ein sexuelle Übergriffe.

Devlin berichtet dabei sehr umfangreich aus ihrem Leben, schildert größere und kleinere Episoden. So hat sie frühe Kindheitserinnerungen aufgeschrieben, als sie sich beim verbotenen Spielen mit anderen Kindern auf Heuballen verletzt und aus Angst, dass die älteren deswegen Ärger bekommen, starken Selbsthass entwickelt. Sie berichtet von ihren alkoholbedingten Abstürzen, wie sie Familie, Freunde und Kollegen immer wieder enttäuscht hat. Dabei handelt eine Episode von einer Fahrt mit der Londoner U-Bahn zu einer Filmpremiere, zu der sie eingeladen war. Allerdings hatte sie sich vorher so stark betrunken, dass sie an der Haltestelle King‘s Cross zusammenbricht; zu der Premiere schafft sie es nicht mehr. Als sie eines Tages mit ihrer Mutter zum Shoppingcenter fährt, um Weihnachtseinkäufe zu erledigen, setzt sie sich ab, um sich eine Waage zu kaufen – ihre Familie hatte alle Exemplare zuhause kaputtgemacht. Die Waage wird unter der Matratze versteckt.

Es sind ganz unterschiedliche Geschichten, aber die Episoden sind immer wieder hart zu lesen. Devlin beschönigt nichts, gleichzeitig betont sie an mehreren Stellen, wer keine Schuld an ihrer Situation trägt: ihr Umfeld. Ich finde es generell schwierig, bei Erkrankungen von Schuld zu sprechen, aber der Titel verdeutlicht es, ihre katholische Erziehung erklärt es: Das Ganze hat mitunter den Klang einer Beichte. Und so macht sie auch klar, dass wenn es Schuld gibt, die bei ihr zu suchen ist.

Nichtsdestotrotz werden auch Menschen benannt (wobei die Namen stets geändert wurden, wie Devlin betont), die ihrer Situation nicht gerade zuträglich waren, deren Hilfe verpufft ist – etwa bei den ersten Versuchen einer Therapie – oder die alles noch schlimmer gemacht haben, so im Falle eines sexuellen Übergriffs, als sie während einer Party betrunken im Haus eines Freundes liegt, sich ein betrunkener Junge neben sie legt und anfängt, sie zu betatschen.

Darüber hinaus gibt es Einblicke in die Castingshow „The X-Factor“, die es auch eine Zeitlang in Deutschland gab. Und vor allem wird die Zeit danach beleuchtet, was mit den Talenten geschieht, die es dort nicht bis an die Spitze geschafft haben. Es fallen auch dabei immer wieder Anekdoten. So lässt Devlin durchblicken, dass sie ihre Performance, nach der sie ausgeschieden ist, nicht so schlecht fand, wie sie gemacht wurde. Auch gibt es Einblicke in den Start ihrer Karriere, nachdem der Hype nachließ. Es ist kein Ratgeber oder ein Leitfaden, aber interessant fand ich es auf jeden Fall.

Etwas gestört hat mich, dass sie ihre Kapitel immer mal wieder mit Cliffhangern beendet. „If I was going to change, it would be for her. But that time wasn’t now.” (S. 151) Ist jetzt nichts Schlimmes, aber man entwickelt recht schnell ein Gefühl dafür, dass es das noch nicht gewesen ist, man muss jetzt nicht zwingend zum Weiterlesen animiert werden.

Aber nichtsdestotrotz verbreitet Devlin auch Hoffnung. Ich denke, es ist kein Spoiler, wenn ich schreibe, dass sie inzwischen – nach eigener Aussage – auf einem guten Level der Selbstakzeptanz und -liebe ist. Es ist längst nicht alles gut, sie hat immer noch ein angespanntes Verhältnis zu Essen, was das Genießen angeht. Sie vermisst Alkohol als etwas, das einem in kleinen Mengen durchaus Lockerheit geben kann. Devlin weiß, dass das Zeug für sie für immer verbrannt ist. Aber es geht aufwärts, obwohl nichts beschönigt wird, wie gesagt.

Da gibt es zwischendurch dann so schöne Sätze wie: „Like I often say, when God made me, he either used up a lot of spare parts and just threw me together, or he was aiming for something truly specific!“ (S. 95); “My struggle for mental health will stay with me forever, but all I can do is hold onto the waves when they hit the shore.” (S. 25)

Stil

Man merkt, dass die Frau Songtexte schreibt. Einige Situationen sind sehr bildlich beschrieben: „My alcoholism started off as an innocent fondness for a substance that could eradicate all ingrained social anxieties. But what began as a naïve romance slowly descented into a dependence that often tiptoed along the equilibrium of life and death.” (S. 153) Auch finden sich einige Fotos aus ihrem Leben in den Büchern, die teilweise das Geschriebene nochmal deutlicher machen.

Es gibt einen groben chronologischen roten Faden, insgesamt wird aber immer wieder zwischen den Monaten und Jahren gesprungen; Devlin fasst ihren Weg in erster Linie ihren Problemen nach geordnet zusammen. Erst mit der Zeit wird das Gesamtbild deutlich, und die Rädchen greifen besser ineinander. Das macht es allerdings trotzdem nicht immer ganz leicht, komplett zu folgen. Oder anders ausgedrückt: Man muss sich schon mitunter konzentrieren, wenn man wirklich alle Puzzleteile sauber zusammensetzen möchte.

Ehrlichkeit

Man erkennt es vielleicht an dem Foto, aber ich würde mich durchaus als Devlin-Fan bezeichnen. Gleichzeitig war ich skeptisch, als ich hörte, dass die junge Frau in der Mitte ihrer 20er Jahre eine Biografie veröffentlicht. Und ich gebe es zu, als ich es gelesen habe, war mein erster Impuls hier und da „Das kommt jetzt auch noch dazu?“ Es halt wirklich eine Menge, das sie erlebt hat. Aber ich glaube, dass es wirklich so ist. Nicht nur beschreibt sie sehr detailliert, was mitunter mit ihr los war – auch in ihrem Kopf –, sie stellt sich selbst auch teilweise so wenig vorteilhaft da, dass ich nicht denke, dass sich jemand so etwas ausdenkt und es öffentlich macht. Insgesamt finde ich, ist es authentisch und realistisch geschrieben. Psychische Störungen bedingen sich natürlich auch.

Fazit

Das war die erste reine Biografie, die ich gelesen habe, und sie hat wirklich Eindruck hinterlassen. Das Buch darf durchaus als inspirierend wie warnend betrachtet werden. Wer allerdings Probleme mit psychischen Störungen hat, sollte wirklich vorsichtig sein. Der Tenor ist insgesamt – es wird kaum verwundern – eher dunkel. Bleibt die Frage, wie ich so ein Buch bewerte. Irgendwie finde ich es merkwürdig, da Sterne für zu vergeben, weil das Thema Krankheit natürlich das bisherige Leben so stark bestimmt hat. Bei einer Obama-Biografie zum Beispiel ist der Autor freier, den Fokus zu setzen, da fällt es leichter, das Ganze zu bewerten. Definitiv vergeben kann ich eine große Leseempfehlung.

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