Nachtschwärmer

Nachtschwärmer

Titel: Nachtschwärmer
Autor: Moira Frank
Verlag: cbj
Erscheinungsdatum: 22. Juli 2019
Seiten: 400

Thema: Liebe, Homosexualität, Erwachsenwerden, Tod
Genre: Jugendbuch
Geeignet für: Leser ab 14
Vergleichbar mit: Sturmflimmern

Klappentext

Ganze drei Wochen hatte Helena einen Halbbruder. Lukas hat sie auf Facebook gefunden, sie haben stundenlang telefoniert, doch bevor sie sich treffen können, stirbt er bei einem Verkehrsunfall. Als Helena in den Sommerferien mit ihrem nichtsahnenden Freund in die Uckermark zum Zelten fährt, um Lukas‘ Grab zu besuchen, lernt sie seine beiden besten Kumpel kennen und das Mädchen, mit dem er zusammen war. Und nach Wochen des Stillstands nimmt Helenas Leben rasant an Fahrt auf …“

Langrezi

Vom Vorgänger „Sturmflimmern“ war ich nicht unbedingt ein Fan. Zu viel Gewalt, ein fragwürdiger Plot, unangenehme Charaktere und Logikfehler. Ich bin daher eher skeptisch an dieses Buch rangegangen.
„Nachtschwärmer“ trägt uns nun nicht mehr in die USA, sondern in die Uckermark. Klingt erst mal nicht so sexy, ist aber wirklich schön beschrieben und hat mir aufgrund der Authentizität viel, viel besser gefallen.
Der Einstieg ist etwas schwierig gewählt. Etwa 50-60 Seiten lang wird die Geschichte von Helena (und Lukas) erzählt, fast komplett ohne wörtliche Rede. Hätte ich in einer Buchhandlung einmal reingeschnuppert, hätte ich es vermutlich wieder zurückgelegt. Es ist unglücklich, so anzufangen, weil zäh und langsam und weil dem Leser ganz schön viel Geduld abverlangt wird.
In dem Teil fällt aber einer meiner Lieblingssätze im Buch:


„Ich hatte ihn eine Nacht vergessen, und er war gleich aus der Welt gefallen.“ (S. 12)

Generell kann man sagen, dass der Schreibstil als solches sehr schön ist. Immer noch sehr (zu) beschreibungslastig, aber nicht mehr so krass wie in Sturmflimmern, wo durchaus auch Dialoge für seitenlange Beschreibungen unterbrochen wurden. Ich habe mich gefreut, als endlich geredet wurde und die ganze Erzählung ein wenig natürlicher wurde. Die Ein-Satz-Erzählungen von Clara waren etwas anstrengend zu lesen, aber es waren auch nur zwei Stellen.

Es wurde auf Instagram recht stark die Jugendsprache kritisiert und die „rechten“ Kommentare der Charaktere. Ich bin da zwiegespalten. Auf der einen Seite hat mich die Ausdrucksweise nicht sonderlich gestört. Ich rede vielleicht auch selbst zu assi, aber diverse Schimpfwörter, die hier benutzt werden, gehören definitiv in meinen Wortschatz. Vielleicht nur im Kreis meiner Freunde und vielleicht nur, wenn ich wütend bin, aber dennoch. Das Fluchen hat mich nicht gestört. Viele Kommentare, die man als rechts einstufen kann, empfand ich als Witz. Auch hier ist mein Humor vielleicht zu derb, aber ich ahnte, wie es gemeint war, und habe mich nicht sonderlich daran aufgehangen.
Andere Aussagen empfand ich als unglücklich. Zum Beispiel:

„Ohne Mutter und mit nur drei Fingern und einem Daumen an der rechten Hand hätte ich exzentrisch sein können.“ (S.18)

Es geht in dem Satz eigentlich nur um Helenas fehlenden Finger, das wird in den kommenden Absätzen klar. Aber als jemand, der ohne Mutter aufgewachsen ist, hat mich diese Aussage verärgert. Niemand würde versuchen, daraus ein Steckenpferd zu machen, und da so eine Sache oft mit Schmerz verbunden ist, fand ich die Aussage etwas gefühlskalt. In dieselbe Kerbe schlugen Kommentare zu psychisch kranken Menschen. In beiden Fällen ahnte ich, was gemeint war, aber es war einfach sehr unglücklich formuliert.

Kommen wir zur Handlung und den Charakteren. Mit beidem hatte ich meine Probleme.
Zum Einen passiert nicht viel in dem Buch. Ich hatte etwa bei der Hälfte das Gefühl: Okay, jetzt ist ja alles passiert, und dann hat man noch so viel vor sich. Es dümpelt so hin zwischen gewichtigen Sätzen und vielen Beschreibungen und Helenas Gedanken. Ich wusste nicht so recht, wo es hin will, und ob noch etwas passiert. Das wusste ich bis zum Ende nicht. Es war auf einmal zu Ende und fühlt sich nach wie vor unfertig an.
Die Charaktere sind mir leider alle nicht ans Herz gewachsen. Helena ist in der ersten Hälfte unglaublich weinerlich. Ständig wird ihr übel oder schwindelig. Stän-dig. Oder sie heult. Würde man bei jedem Mal einen Kurzen trinken, wäre man am Ende des Buches hacke. Gott sei Dank gibt sich das ein wenig in der zweiten Hälfte, da sind sie dann aber ständig müde, hungrig und verwundet.

Ich empfand das Drama von Lukas‘ Tod tatsächlich auch als übertrieben dargestellt.

„Ich ging kaputt, und es war mir egal, wie das klang, denn es war die Wahrheit.“ (S.23)

Helena lernt, dass sie einen Halbbruder hat, was nice ist, und dann stirbt er nach drei Wochen, was natürlich nicht so nice ist. Aber sie hat ein gutes, gefestigtes Leben mit Familie und Freunden und Freund, und das ganze Mimimi hat das alles nicht verdient. Natürlich ist es scheiße, was passiert, aber wie sie es ausschlachtet und sich reinsteigert, ist extrem anstrengend zu lesen. Vor allem, da in der zweiten Hälfte Lukas nicht sonderlich oft erwähnt wird. Er ist der Aufhänger für die Reise, ja, und es werden ein paar Geschichten erzählt, aber sie trauert nicht mehr sehr häufig (obwohl sie genau das sagt) und es geht mehr über die 4 neuen Freunde. Deswegen kam mir das Drama um ihre Trauer sehr übersteigert vor.
Die anderen Charaktere… nun ja. Ich hatte große Probleme mit Clara. Nicht wegen der Queer-Geschichte, sondern weil sie mir einfach grund-unsympathisch rüberkam. Das empfand ich als etwas unglücklich gelöst (man sollte auch bei jedem „unglücklich“ hier was trinken), denn sie ist der Love Interest und nicht Viktor, den ich persönlich als vielschichtiger und interessanter empfunden habe. Vielleicht hätte man das tauschen sollen. Denn, Geschlecht hin oder her, Clara war’s einfach nicht, und ich hab für die beiden nicht eine Sekunde lang geschwärmt.
Viktor war der einzige, den ich nett fand, lustigerweise zusammen mit Sinan, obwohl der kaum vorkommt. Mike war mir ein bisschen zu Klischee. Sein Outing empfand ich an der Stelle mehr als unpassend und auch irgendwie überflüssig, weil es nichts zum Plot beigetragen hat und auch sonst keine Auswirkung hatte. Die Begründung dafür wirkte auch an den Haaren herbeigezogen, aber ich hab’s einfach abgenickt.
Ole hat mich richtig aufgeregt, weil ich die Beziehung einfach sehr, sehr anstrengend fand und sie von vorneherein so viel Gefühl wie ein Stück Holz hatte.

Das Ende mit der Mutter war kurz und auch… unfertig. Ich hatte nicht das Gefühl, dass dieser Konflikt richtig abgeschlossen wurde. Es war mir als „Showdown“ auch zu wenig.

Ich hätte dieses Buch ganz ehrlich lieber in einer Erwachsenenversion gelesen. Den Schreibstil empfinde ich für Jugendliteratur als verschwendet, und das meine ich im positiven Sinne. Die Autorin schreibt gut, zu gut für so wenig Inhalt und mit den Beschränkungen, die Jugendliteratur in Hinblick auf die Tiefe mit sich bringt.

Ich habe die Interviews mit Moira Frank gelesen und muss ihr zustimmen, dass sie sich sehr verbessert hat, und zwischen Sturmflimmern und Nachtschwärmer liegen tatsächlich Welten. Allerdings überzeugt mich die Geschichte einfach nicht, und ich empfinde den Plot auch nicht als straff erzählt. Ich hoffe, beim nächsten Mal ist noch ein bisschen mehr drin.

Fazit

Für den Schreibstil gebe ich 4,5 von 5 Sternen, für die Geschichte 2. Sie hat mich einfach nicht genug mitgenommen.

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