Schattenthron

Titel: Schattenthron – Erbin der Dunkelheit
Autorin: Beril Kehribar
Verlag: Carlsen
Erstveröffentlichung: 27. Januar 2022
Seitenzahl: 352

Genre: Fantasy

Klappentext

„Kaaya hat keine Vergangenheit, keine Erinnerungen, keine Familie. Nichts außer Arian, der sie einst von den Straßen geholt und bei sich aufgenommen hat. Doch bevor sie ihrem besten Freund sagen kann, was sie wirklich für ihn empfindet, wird seine Seele von einem Schattenelfen gestohlen und er bleibt als Hülle zurück. Um ihn zu retten, reist die 18-Jährige ins Reich der Schatten, wo sie sich inmitten eines uralten Krieges wiederfindet. Das, was Kaaya dort über sich erfährt, bringt alles ins Wanken, an das sie bisher geglaubt hat. Sie muss erkennen, dass sie niemandem mehr vertrauen kann, nicht einmal sich selbst und ihren eigenen Gefühlen – gerade wenn es um den mysteriösen Kronprinzen Ilias geht, der seine ganz persönliche Mission verfolgt …“

Langrezi

(Spoilerwarnung!)

Stil bzw. Informationsfluss

Fangen wir mit dem großen Elefanten im Porzellanladen an. Eine Geschichte kann noch so gut sein, sie wird extrem limitiert durch die Art, wie sie geschrieben wird. Und hier empfand ich die Erzählweise als so limitierend, dass sie quasi die ganze Geschichte erstickt hat.

Es gibt keine Beschreibungen, und wenn doch, sind sie oberflächlich oder sinnlos (siehe Beispiel). Dadurch bleibt alles andere hinter seinen Möglichkeiten zurück: Wir erfahren nicht, wie die Charaktere aussehen, wie sie sich bewegen, was sie tragen, wie die Welt aussieht, was für Pflanzen dort wachsen, wie die Städte aussehen … und das Nebulum ist einfach nur dunkel. Das Ganze gipfelt für mich in folgendem Beispiel:

„Und jetzt?“, fragte Luana genervt, als auch beim wiederholten Klopfen niemand die Tür öffnete. Sie gehörte zu einem kleinen Haus, das sich in eine Reihe weiterer Häuser fügte, die alle gleich aussahen.

Ich muss ehrlich gesagt gestehen, dass ich den Satz schon ein bisschen feier, auch wenn es vielleicht etwas gewagt war, ihn so in einem Buch stehen zu lassen. Die Beschreibung ergibt keinen Sinn, hat keinen Mehrwert, zeigt uns nicht im Ansatz, wie die Welt aussieht – und leider verhält es sich mit den meisten Beschreibungen, wenn es sie denn gibt, ähnlich.

Der Stil allgemein ist kurz, einfach, anspruchslos. Das ist nicht unbedingt negativ gemeint, denn das Buch wird ab 14 Jahren empfohlen, wo es vielleicht keinen Satz braucht, der über zehn Zeilen geht. Trotzdem gab es noch einige Stilblüten, unrunde Metaphern und grammatikalische Fehler, die man hätte ausmerzen können.

Wieso habe ich Informationsfluss dazugesetzt? Hauptsächlich wegen der Beschreibungen (und der Informationen, die sie eigentlich transportieren sollen), aber auch, weil das Pacing und die Informationsausgabe in meinen Augen das ist, was die Geschichte zu Fall bringt. Beispiel: Ilias‘ Vater ist der Böse. Er kommt aber erst im letzten Drittel vor und ist dann instant böse. Besser wäre es gewesen, wenn man ihn früher eingeführt und den Leser an der Nase herumgeführt hätte, sodass es ein Twist gewesen wäre, wenn er am Ende der Böse gewesen wäre. Weiteres Beispiel: Ilias kommt, verglichen zu seinem Vater, relativ früh vor, wir erfahren aber sehr spät, erst in Kaayas Kapiteln, wie er aussieht, davor wird er überhaupt nicht beschrieben und bleibt ein leeres Blatt. Das hat mich richtig genervt.

Das Pacing hat für mich vorne und hinten nicht gestimmt. Erstmal gibt es kaum Ruheszenen, und wenn, dann um ein Bad zu nehmen oder ein Buch zu lesen, das dann unmittelbar danach die Lösung bringt. Sonst ist es nur ActionActionAction – was ich an sich wirklich mag, aber gepaart mit den fehlenden Beschreibungen und den gänzlich fehlenden inneren Monologen oder Konflikten bleibt es eine stumpfe Aneinanderreihung von Szenen. Das Buch nimmt sich nie die Zeit, einfach mal runterzukommen und seine Charaktere zu beleuchten, damit wir mit ihnen mitfühlen, sie zu mögen lernen und sie dann auch anfeuern, bitte nicht zu sterben bei dem, was sie da tun. Ich glaube, man hätte viele Szenen streichen können und wäre dann mit genügend Blick nach innen trotzdem in einer akzeptablen Länge geblieben.

Zwei Beispiele, die mir stilistisch negativ aufgefallen sind:

„Er versuchte diese Erinnerung zu verdrängen. Er versuchte Neah gehen zu lassen. Er versuchte und versuchte. Und doch versuchte er geichzeitig die Erinnerung an sie am Leben zu halten.“
(Die fragwürdige Kommasetzung einmal außer Acht gelassen)

„Kaaya rieb sich die Stirn und dann über die Augen. Vielleicht war das eine Option. Die letzte Option, die infrage kam, doch eine Option.“

Worldbuilding

Wir treffen auf ein Land oder einen Kontinent oder eine Welt, die im klassischen Mittelaltersetting angesiedelt ist. Menschen kämpfen mit Schwertern, es gibt Könige und Städte mit Märkten. Wer sich über diese seltsame Aufzählung wundert – man muss sagen, dass man so gut wie nichts über diese Welt erfährt. Irgendwann sind die Elfen mal aus ihrem Heimatland geflohen (oder ihrer Welt?) und leben jetzt unter Menschen und das wars. Elfen können Magie wirken und dazu brauchen sie Sonnenlicht. Dat’s it.

Details, die man zum Worldbuilding gebraucht hätte (Historie abseits der Elfen, Länder, Städte, Klima, Glaube/Religion, Pflanzen, Staatsformen, Königsnamen, Technologie, Einfluss der Magie auf Technologie, Kriege, Konflikte, soziale Probleme … sucht euch was aus), kommen nicht oder ohne Erklärung vor, so wie hin und wieder irgendeine Gottheit eingeworfen wird, zu der nichts weiter erklärt wird. Es gibt Bäume, es gibt Pflanzen, es scheint Sommer zu sein, mal scheint die Sonne, mal nicht. Dazu soll gesagt sein: Man MUSS nicht alle der oben genannten Themen komplett durchleuchten und langatmig breittreten; die Kunst besteht darin, dem Leser gerade so viele Informationen zu geben, dass er sich alles lebendig genug vorstellen kann und dass sich die Welt gut konzipiert und solide geplottet anfühlt. Das hat hier in meinen Augen nicht funktioniert.

Das Mittelalterding wird auch nicht sonderlich konsequent durchgezogen. Kaaya lebt auf der Straße und schafft es trotzdem irgendwie, dass ihr superteures Schwert nicht geklaut wird. Andersrum: Wieso verkauft sie ihr superteures Schwert nicht, um sich etwas zu essen leisten zu können?

Später gehen sie und Arian scheinbar arbeiten, aber offenbar eher schlecht bezahlte körperliche bzw. Verkaufstätigkeiten. Trotzdem haben sie auf einmal Pferde (okay, die Tante ist offenbar gut betucht), aber Arian hatte irgendwoher auch genug Asche für einen Verlobungsring aus Gold mit nem Diamenten dran. Und auf allen Reisen hat Kaaya dann ständig sowohl genug Geld als auch Essen. Das ergibt keinen Sinn. Ressourcen fliegen einem, gerade im Mittelalter, nicht unbedingt zu, das hätte man entweder anders regeln müssen oder als Aufhänger für weitere Konflikte nützen können.

Das Nebulum war eine nette Idee, bleibt aber auch hinter den Möglichkeiten zurück. Durch die fehlenden Beschreibungen vergisst man oft, dass man sich in einer Schattenwelt befindet, und zu oft können die Protagonisten ganz normal sehen, obwohl es nicht hell ist. Die Umbren waren nett, aber auch nicht sonderlich ausgefuchst.

Eine persönliche Anmerkung noch dazu: Wer schon ganz viel Fantasy gelesen hat, wird schon mal über Begriffe wie Umbren (Latein für Schatten) oder den Namen Prior gestoßen sein. Gerade lateinische Begriffe finde ich langsam sehr abgegriffen. Da war z B. die Grisha-Reihe eine sehr angenehme Abwechslung.

Plot

Der beste Freund der Prota fällt einem Dementoren zum Opfer und sie macht sich auf die Suche, seine Seele zu retten. Lest das hier nicht garstig, das ist es gar nicht, ich komme aus dem Bild mit den Dementoren nur nicht mehr raus. Die Grundidee ist, sagen wir’s gnädig, mäßig kreativ, eine typische Heldenreise im YA-Style eben, mit Elfen und einer Schattenwelt. Untypisch sind die vielen POVs, die nach und nach in die Geschichte gestreut werden und dabei keinem nachvollziehbaren Muster folgen. Ilias‘ Kapitel beginnen z. B. sehr spät und enthalten erstmal überhaupt nichts Wichtiges.

Im Plot allgemein hat mich das ständige Hin- und Herreisen gestört, das manchmal planlos wirkte und nicht so recht zielführend war. Zudem waren alle Konflikte immer nur so mini und es hat nicht einmal so richtig gekracht. Es gab keine innere Zerrissenheit (außer das mit dem Vatermord, aber da bin ich zu abgestumpft für, kill ihn halt), alle haben sich sofort vertraut, die Konflikthöhe war stets niedrig und die Lösung nur einen Griff entfernt. Dadurch fand ich das Buch auch so langweilig: Es gibt ein Problem, ein Kapitel später schon die Lösung, oder jemand liest etwas und zack, ist das Rätsel gelöst.

Das mit den Büchern hat mich übrigens wirklich wahnsinnig gemacht. Da gibt es ein hochgefährliches, illegales Ritual, das längst in Vergessenheit geraten ist, und das ist zufällig sehr genau in irgendeinem random Buch aufgeschrieben, das rein zufällig bei einer guten Freundin der Tante rumliegt. Deus ex Machina, ik hör dir trapsen.

Auch die Szene, in der Kaaya, ihren seelenlosen Fast-Geliebten zurücklassend, freudestrahlend shoppen geht und sich eine Karte besorgt, die dann noch 2x erwähnt wird und dann nie wieder, war absolut unpassend und hat nichts zum Plot oder zur Charakterentwicklung beigetragen. Uff, machen wir damit mal weiter …

Charaktere

Kaaya ist die Hauptfigur, das weiß man, weil es im Titel um sie geht und weil das Finale sich wieder auf sie richtet. Zwischendurch kann man das als Leser schon mal vergessen, denn Luana bekommt ungleich viel mehr Aufmerksamkeit und macht als einzige so etwas wie eine Entwicklung durch. Über Kaaya wissen wir, dass ihre Eltern an einer nicht näher erklärten Seuche gestorben sind (deren Auswirkung auf die Welt komplett unbetrachtet bleibt), dass sie bei einem Schmiedesohn den Schwertkampf gelernt hat und von irgendwoher auch dieses Schwert hat. Dann lebt sie eine Weile auf der Straße und dann bei Arian, den sie hardcore friendzoned und ihn dann doch am Ende wohl liebt?

Viel mehr erfährt man leider nicht über sie, ich weiß auch nicht, wie sie aussieht. Sehr gestört hat mich diese Schwertkunst, die überhaupt nicht zu ihr oder ihrer Geschichte gepasst hat und auch relativ unnütz ist, weil sie in fast jeder Szene mit dem Ding suckt. Man hätte es gänzlich streichen können und es hätte ihren Charakter oder ihre Geschichte nicht verändert. Der Twist am Ende war nett, hätte aber auch besser (durch dezentes Informationsdropping hier und da) angedeutet werden können.
Das Problem mit Arian ist, dass wir uns um ihn sorgen sollen, obwohl wir ihn erst seit 20 Seiten kennen und nur wissen, dass er Beeren und Kaaya mag. Das reicht mir nicht. Wenn mich eine Geschichte überzeugen will, dass der Typ all die Gefahren, die sie für ihn eingehen, wert ist, dann muss das auch irgendwo gezeigt werden. Das wird es hier nicht, deswegen war mir sein Schicksal von Anfang an schnuppe, weswegen mich die Geschichte auch nicht gecatcht hat. Das Ende mit ihm hat mich übrigens extrem an den Cliffhanger von Hunger Games 3.1 erinnert.

Der Rest der Charaktere … ist so da. Tiefe Beschreibungen, innen wie außen, kriegen wir nicht. Die Tante spricht und handelt, wie es der Plot will. Aron hadert mit seinem Vaterhass, das fand ich ganz nett. Ilias ist ein Prinz, der seinen Vater hasst und seine Geliebte nicht loslassen kann. Sein bester Freund vögelt alles, was nicht bei 3 auf dem Baum ist. Das wars.
Luana fand ich schon fast am besten, weil sie zumindest badass ist und mit bezüglich ihrer Fähigkeiten auch ganz gut was dazulernt.

Schade fand ich, dass alle Eltern-/Großelternfiguren, die irgendwas zu sagen hatten, auch gleich böse waren, und das auf sehr direkte, schon fast stumpfe Art. Ilias‘ Vater liest sich, als wäre da das Konzept nicht deutlich gewesen, wann und wie böse er eigentlich ist, und letztendlich wirkte er fast ein bisschen überzogen böse, als wäre er seine eine Persiflage. Fantasygeschichten stehen und fallen auch immer mit ihren villains, und hier war ich sehr enttäuscht, obwohl ich die eigentliche Grundmotivation für sein Handeln überraschend nachvollziehbar und durchdacht fand.

Fazit

Es ist (in meinen Augen!) eine Geschichte, die noch gar nicht reif genug ist, um in den Druck zu gehen. Die noch stilistisch und plottechnisch in den Kinderschühchen steckt und noch ordentlich wachsen muss. Schreiben ist auch ein Handwerk, und ich habe das Gefühl, dass hier noch nicht genug Tränen und Schweiß und Nerven in das Erlernen davon geflossen sind. Die Geschichte empfinde ich in jeder Art als zu oberflächlich und unausgereift. Ganz nette Grundidee, die aber nicht überzeugen konnte. Einer von fünf Sternen.

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