Martha – Anarchie

Titel: Marta – Anarchie
Autorin: Franziska Szamania
Verlag: Selfpublishing
Seitenzahl: 373

Genre: Dystopie

(Dieses Buch ist der zweite Teil einer Duologie und enthält auch Spoiler auf die Geschichte des Buches selbst. Wenn ihr den Band noch lesen oder zuerst „Eva – Herrschaft“ lesen wollt, ohne vorab zu viel von der Geschichte zu erfahren, hört hier am besten auf zu lesen!)

Inhaltsangabe

Egal, wie oft die Ebbe uns zurückreißt, wir kommen zurück.

Wir sind die Flut. Unaufhaltsam. Erbarmungslos. Eine Naturgewalt.

Der Staub zu unseren Füßen wirbelt und bäumt sich zu einer Sturmwolke auf.

Ohne mit der Wimper zu zucken, gehe ich weiter. Fühle die Kraft der Frauen um mich herum. Ihre Nähe gibt mir die nötige Zuversicht.

Ich spüre ihre Wut, als wäre sie meine.

Die Rebellion gegen Präsident Adam war erfolgreich, aber der Kampf um die Freiheit der Frauen ist noch nicht vorbei.

Langrezi

„Martha – Anarchie“ ist der Nachfolger von „Eva – Herrschaft“. Der begonnene Kampf gegen Präsident Adam und die Unterdrückung der Frauen wie auch der Arbeiter in den äußeren Gebieten der Insel wird zu einem vermeintlichen Ende gebracht. Doch der neue Präsident, Abel – zuvor Anführer der Rebellen – erweist sich relativ schnell als noch schlimmerer Machthaber als sein Vorgänger.

Ich habe mich mit dem ersten Teil schon sehr schwer getan: Die Idee hatte meiner Meinung nach durchaus Potenzial,  die Umsetzung war dagegen nicht gut. Es gab viele Logik- und noch mehr Grammatik- und Rechtschreibfehler. Die Figuren waren zu großen Teilen unsympathisch und die guten Ansätze meiner Meinung nach viel zu wenig ausgearbeitet. Es las sich wie eine Rohfassung. Ich war dennoch gespannt, wie sich der zweite Teil darstellt. Um es kurz zu fassen: Es gibt alte wie neue, vor allem aber wieder sehr viele Kritikpunkte.

Inhalt

Die Geschichte setzt irgendwann nach der Rebellion ein. Die Insel Selvia organisiert sich neu, Rebellenführer Abel wird zum Präsidenten gewählt. Einen Gegenkandidaten gibt es zwar nicht, doch das stört zunächst niemanden. Abel verspricht eine verheißungsvolle Zukunft, vor allem für die Frauen: Unter anderem sollen sie das Recht bekommen, einen qualifizierten Schulabschluss nachholen und studieren zu können – um letztendlich alle Berufe auszuüben, die auch Männer bekleiden. So die Theorie. In der Praxis gibt es halbgare Zusagen, Hinhalteparolen und die Erkenntnis, dass sich für die Frauen eigentlich nichts ändert. Gleichzeitig wandern viele qualifizierte Köpfe auf das Festland ab, Kritiker werden verschleppt und eingesperrt oder verschwinden in den Bergwerken. Armut und Hunger trifft alle Bevölkerungsschichten.

Bis ein Teil der alten Rebellion, eine Gruppe um Martha, beschließt, etwas dagegen zu tun. Bis es tatsächlich zu Taten kommt dauert es zwar eine deutliche Weile länger, es wird sich vor allem beschwert. Aber letztendlich folgen auch die. Das Ziel ist es, die Insel endlich von jeder Herrschaft zu befreien. Wer jetzt anmerkt, dass das ja Anarchie bedeutet: Das ist richtig (siehe Titel des Buches), eine genauere Einordnung dazu, auch mit Blick auf mögliche Nachteile dieser Herrschaftsform, gerade für vermeintlich schwächere Gruppen, folgt später.

Charaktere

Die Geschichte wird aus Sicht von Martha, einer Anhängerin der Rebellengruppe erzählt. Schon die Ankündigung dafür am Ende des ersten Buches hatte mich gewundert, da die Figur dort eher blass und langweilig auftrat. Das war im zweiten Teil ganz und gar nicht mehr der Fall. Vielmehr schien sie mit Eva, wie sie in Band eins auftrat, den Charakter getauscht zu haben. Fiel die in der ersten Geschichte vor allem durch Ignoranz und Dummheit auf, trifft das über weite Strecken auf Martha zu. Sie zeigt sich dazu noch launisch und jähzornig.

Einige Beispiele: Martha, die im äußeren Bereich Selvias aufgewachsen ist, versteht erst langsam, und erst im direkten Umgang mit Bürgerinnen (die vor der Rebellion herrschende Klasse), warum ihre Mutter und ihre beste Freundin wohl aus dieser Umgebung an den Rand der Insel geflohen sind (S. 94). Natürlich, sie hat zum ersten Mal mit einer größeren Anzahl Bürgern zu tun, hat aber auch schon vorher welche kennengelernt – die Erleuchtung hätte durchaus früher kommen können.

Dann findet sich auf Seite 187 dieser Satz: „Heute habe ich gelernt, dass Informationen wichtig sind. Ich muss Bescheid wissen, wenn wir Abel besiegen wollen.“  Allein die Formulierung klingt für mich nicht nach einer Erwachsenen. Wenn man dazu bedenkt, dass sie schon eine Rebellion durchgemacht hat und vorhat, Medizin zu studieren, ist das schon eine erstaunlich simple Schlussfolgerung.

Anderes Beispiel: Das Waisenhaus, in dem die Gruppe lebt, wird von der Schutzwehr durchsucht. Es geht um eine vorher von ihnen versendete verbotene Botschaft. Die Frauen behaupten, dass sie nichts Verbotenes gesendet haben, die Sicherheitskräfte nehmen Marthas Uhr (das Pendant zu einem Smartphone) um sie zu überprüfen, finden aber nichts. Dann nehmen sie Evas Uhr und Martha fragt sich: „Sie suchen etwas. Nur was?“ (S. 250). Das Buch spielt gerne mit maritimen Metaphern. Um einmal mitzumachen: Martha zeigt ein Gedächtnis wie ein Goldfisch.

Deutlich wird ihre wenig vorausschauende Planungsfähigkeit, als sie sich entschließt, eine Hinrichtung zu verhindern. Eine kleine Gruppe Frauen geht voller Selbstvertrauen zu dem Platz, geht auf die Schutzwehr zu, wird aufgehalten, Panik setzt ein. Der „Plan“ ist damit verpufft. (S. 279 – 282). Zugegeben, die Textstelle „Ich habe keinen Plan. Keine Idee. Egal.“ (S. 278) hat schon ein bisschen darauf vorbereitet.

Hinzu kommt eine erstaunliche Empathielosigkeit. An einer Stelle muss man davon ausgehen, dass gerade ein Baby totgeschlagen wurde, das mit ihr und den anderen im Waisenhaus lebte. Es interessiert sie für genau sechs Sätze direkt danach und ist im weiteren Verlauf kein Thema mehr (S. 210). Immerhin: Dem Kind geht es später gut.

Auch wenn ich so eine Person nicht unbedingt als Ärztin haben möchte, wäre das ja alles noch irgendwie in Ordnung, wenn sie nicht so absolut gewaltbereit wäre und jedem ständig aufs Maul hauen möchte (z.B. S. 106, S. 308), teilweise sogar für Lappalien, und sehr oft scheinbar grundlos genervt ist (S. 67). Trotzdem will sie die neue Rebellion ohne Waffen führen. Sie hat den Kampf gegen Adam hautnah miterlebt; bei allem Respekt für die pazifistische Haltung fällt es mir schwer, diese Entscheidung nachzuvollziehen. Wirklich begründet wird sie nicht. Übrigens: Bomben sind okay (S. 313 ff).

Marthas Alternativplan ist es, allen mitzuteilen, dass Abel früher ein Bürger war. Auch auf den Hinweis von Abels Nichte Rhode, dass das keinen mehr so richtig interessieren dürfte, weil er inzwischen viel „Gutes“ für die Arbeiter getan hat (wie man noch zu diesem Schluss kommen kann, auch aus Arbeitersicht, bleibt mir angesichts der wirklich dramatischen Hungersnot ein Rätsel), schwenkt Martha nicht um. Sie hat sich in diese Idee festgebissen, und das muss auch so klappen.

Es ist also nicht leicht, Abel zu stürzen. Erschwerend kommt hinzu, dass Martha zwar gewisse Skills als Sanitäterin hat, aber ansonsten nicht viel kann: nicht mit Waffen umgehen (S. 242) – als Rebellin fast der ersten Stunde schon irgendwo eine Leistung –, sie hat keine Ahnung von Technik (S. 301), ihre Planungsfähigkeiten habe ich oben schon beleuchtet, und ihre akademischen Leistungen sind ebenfalls überschaubar, was allerdings, das muss man dazu sagen, natürlich auch am System liegt. Das könnte man auch über das technische Verständnis sagen, jedoch schafft es Felix, einer ihrer besten Freunde aus dem äußeren Ring, ein absoluter Profi zu sein. Natürlich ist keine dieser Fähigkeiten ein Muss, aber wenn eine Protagonistin so gar nichts kann, wird’s irgendwann schwierig.

Ironischer Weise war in diesem zweiten Teil ausgerechnet Eva ein Lichtblick. Sie agiert nun deutlich überlegter und reflektierter und geht ihren Tätigkeiten ohne viel Aufhebens nach – Martha bekommt ewig lange nicht einmal mit, dass Eva gemeinsam mit Ruth ein Waisenhaus gegründet hat, obwohl sie mit Eva unter einem Dach lebt – und kann tatsächlich Dinge. Da sind wir auch schon wieder beim Problem: Eva kocht wahnsinnig gerne. Das wäre erst einmal überhaupt nicht schlimm, wirkt in einer Welt, in der Frauen gerade versuchen, veraltete Rollenbilder zu bekämpfen, aber nicht wie das ideale Hobby. Man kann das definitiv aufarbeiten und einordnen und sogar als starkes Attribut für die Selbstbestimmung der Frauen nutzen. Das passiert hier aber nicht. Es wird kurz thematisiert, ist danach aber auch keinen Austausch mehr wert. Ansonsten wird Eva als durchaus klug und wortgewandt dargestellt; dadurch, dass ihre nervenden Attribute nun weitgehend wegfallen, tritt das auch deutlich mehr zutage als im ersten Buch beziehungsweise wird nicht durch dummes Verhalten konterkariert.

Die übrigen Frauen sind relativ schnell abgehandelt: Mitläuferinnen trifft es wohl ganz gut. Sie fallen nicht besonders durch eigenes Verhalten auf, ordnen sich meistens unter (auch innerhalb der neuen Rebellengruppe) und sind halt oft einfach da. Eine Ausnahme ist wieder Lillit, die im ersten Band schon angenehm provokant und außerhalb dieses sehr angepassten Musters agiert hat. Und Rhode, die geheimnisvolle Rettung vom Festland, die auch Deus ex machina hätte heißen können. Im Prinzip ist ihr einziger Charakterzug, geheimnisvoll zu sein, was das Misstrauen aller anderen befeuert.

Sie besticht in der entscheidenden Stelle dann noch durch enorme Dummheit. Um es kurz zu fassen: Wenn du nicht willst, dass jemand stirbt, steck ihm keine experimentelle Bombe an, die die Person nicht kennt und daher auch nicht richtig handhaben kann. Das Ergebnis könnte dich traurig machen.

Die Männer sind die Einäugigen unter den Sehenden. Eine traurige Aussage, aber gäbe es die Typen nicht, die Geschichte würde in ihren Grundzügen sterben. Und damit meine ich gar nicht den bösen Abel als Antagonist, sondern die Guten. Aaron und Chamuel sind es, die Informationen beschaffen, teilweise wichtige Pläne schmieden, vor allem aber dafür sorgen, dass die Ideen ansatzweise Erfolg haben. Und wenn sie es nicht tun, herrscht erst mal große Ahnungslosigkeit. Dann gehen die Frauen dann auch schon mal kollektiv dazu über, das Haus zu putzen und zu warten, was eventuell passiert. Nochmal: In einem Buch, das zeigen soll, dass Frauen aktiv für ihre Gleichberechtigung kämpfen sollen, ist das einfach etwas ungünstig (S. 222-223, S. 371).

Abel, obwohl er selbst fast nicht auftritt, schafft es dabei, als komplett unfähiger Herrscher aufzutreten. Er bringt es fertig, Selvia in Windeseile zu ruinieren, die klugen Köpfe zu vertreiben, damit die Wirtschaft mehr oder weniger komplett zu zerstören und ist trotzdem merkwürdig passiv, wenn es darum geht, Martha und die Truppe gefangen zu nehmen. Es wird damit begründet, dass er nicht glaubt, dass sie ohne Männer im Hintergrund agieren und warten will, bis die eigentlichen Drahtzieher sich zeigen. Ironischerweise lässt er Aaron und Chamuel – lange die beiden einzigen Männer in der neuen Rebellengruppe  – verhaften, aber das scheint ihm noch nicht zu reichen. Wer weiß, wie viele Männer er da erwartet hat.

Stil

Der Schreibstil ist relativ einfach gehalten, die Geschichte lässt sich daher aber auch ganz gut weglesen. Zudem ergeben sich daraus zum Teil auch erfrischend unkonventionelle Beschreibungen. Mein Lieblingssatz des Buches lautet: „Meine Oberschenkel kleben beim Gehen aneinander und verursachen klatschende Schmatzgeräusche.“ (S. 38) Natürlich, die Botschaft wird klar: Martha (auf den sich der Satz bezieht) wohnt im Slum und ist dreckig. Aber das ist schon sehr…bildhaft beschrieben. Martha wird übrigens insgesamt recht schonungslos dargestellt, was die Hygiene angeht. Sie pinkelt sich vor Angst noch ein, an anderer Stelle fällt sie in ihr Erbrochenes (S. 335). Aber in Gedanken kritisiert sie eine Freundin, weil die offensichtlich eine Weile nicht geduscht hat (S. 166).

Die Kapitel sind meistens recht kurz. Wie oben erwähnt, gibt es wieder jede Menge Meeresmetaphern, die insgesamt etwas besser funktionieren als in Band eins. Was aber überproportional zu finden ist, ist das Ausrufezeichen. Ohne es belegen zu können, habe ich das Gefühl, dass ich noch nie in einer vergleichbar langen Geschichte auch nur annähernd so viele Ausrufezeichen gelesen habe. Meistens kommen sie auch in Rudeln, was die Sache besonders auffällig macht.

Die Zahl der Fehler ist gefühlt geringer als bei „Eva – Herrschaft“; ich habe sie dieses Mal nicht gezählt. Das bedeutet allerdings nicht, dass es nur wenige oder sogar überhaupt keine gab. Das erste Buch hat die Messlatte nur einfach sehr hoch gehängt. Vor allem mit Akkusativ und Dativ schien die Autorin auf Kriegsfuß zu stehen. „Den/Dem“-Fehler gab es wirklich sehr häufig.

Anarchie

Man kann sicherlich über das beste politische System diskutieren, als Anhängerin einer Gruppe, die immer schon unterdrückt wurde und zudem Waffengewalt ablehnt, ist die Wahl der Anarchie als bevorzugte Herrschaftsform aber vielleicht nicht die beste Wahl. Sie wird auch mehrfach darauf hingewiesen, dann schwenkt sie um auf ein Parteiensystem – jede Gruppe der Insel soll sich organisieren, und gemeinsam sollen Entscheidungen getroffen werden, ohne Präsident oder ähnlichem. Weiter ausgeführt wird das nicht, in der freien Zeit, die nicht mit der Planung des Umsturzes verbracht wird, wird diese Idee auch nicht weiter vertieft. Das kommt später, heißt es.

Die Rebellenführung

Unter dem Gesichtspunkt ist es meiner Meinung nach noch weniger zu verstehen, dass Martha diese Rebellion anführen soll. Aber irgendwie entwickelt sich das so. Eva mobilisiert die unzufriedenen Menschen mit ihrer Zeitungskolumne, aber Martha übernimmt die Kontrolle. Nicht, dass die Leute sie kennen würden, sie gehen ihr einfach hinterher. Dass der erste Aufmarsch auf dem größten Fest der Insel krachend schiefgeht, weil man vielleicht nicht direkt und ohne Plan laut singend die Sicherheitskräfte provozieren sollte, stört da auch nicht weiter. Zwischendurch ist Martha sogar rebellenintern die heißeste Kandidatin auf den Posten der Präsidentin – obwohl sie immer wieder betont, so etwas gar nicht haben zu wollen.

Die Pläne

Ich möchte einmal exemplarisch aufzeigen, wie das Planen und umsetzen bei der Gruppe aussieht. Wir haben folgende Situation: Die Computerexperten haben sich in das Inselnetz gehackt und wollen nun eine Botschaft übermitteln, die allen Anhängern klarmacht, was sie wann vorhaben, ohne, dass es die Regierung mitbekommt. Schließlich kommt die Idee auf, dass man eine Wäscheklammer zeigen könnte – das Symbol wurde schon in Evas Kolumne verwendet, die zur ersten Versammlung auf dem großen Fest genutzt wurde. Dann werden Bilder mit Martha und einer Wäscheklammer gemacht, verwendet wird aber – so habe ich es verstanden – ein Bild nur mit Wäscheklammern. Und zwar fünf Stück. Am nächsten Tag soll ein Bild mit vier Klammern gesendet werden, dann eines mit drei etc.

Meiner Meinung nach ist das so offensichtlich, dass es jeder Trottel checkt. Aber selbst wenn wir das außer Acht lassen, bleiben mir Fragen: Wo ist die Versammlung? Wann startet sie Was ist geplant? Aber die Menschen lösen das Problem selbst: Sie verstehen die Botschaft, gehen einfach morgens schon los und sind praktisch in der gesamten Stadt Selvia unterwegs. So kann’s gehen. Dass Martha dann vor Ort die Aufständischen immer noch organisieren will, ist optimistisch, finde ich. Dass nach den Erlebnissen auf dem großen Fest nicht bedacht wurde, dass sich die Sicherheitskräfte mit aller Macht wehren dürften (dieses Mal mit Feuer) und man dementsprechend unvorbereitet und überrascht ist, ist absolut fahrlässig.

Das Einhacken in das Netz wird danach übrigens nicht mehr verwendet, ob die Sicherheitslücke geschlossen wurde, bleibt unklar. Stattdessen kämpft man sich bis zum Kommunikationszentrum durch, um nochmal eine Botschaft abzusetzen.

Das Ende

Die Geschichte spitzt sich derart zu, dass ich wirklich Angst davor hatte, zu lesen, dass Martha die Anführerin der Insel wird. Das wird dann in letzter Minute abgewendet, indem die Geschichte mit Gewalt herumgerissen wird. Abels (zuvor nie erwähnte) Nichte Rhode tritt auf und arbeitet kurzzeitig mit der Rebellengruppe zusammen. Vor allem weiß sie aber das Festland, das von einer Frau geführt wird, hinter sich, von dem Martha nie Hilfe haben wollte, weil sie die Unabhängigkeit Selvias bedroht sah. Dank dieser Unterstützung wird Abel gestürzt, Rhode die neue Präsidentin und Martha kann endlich studieren. Nicht nur für sie fühlt sich das Ende aber komisch an. Es ist das realistischste, das noch möglich war, definitiv. Aber unterm Strich bleibt die Erkenntnis, dass die Rebellen bestenfalls wenig bewirkt haben. Für ein Buch, das die Botschaft „Frauen können alles schaffen“ vermitteln will, ist mir das zu wenig – auch wenn es letztendlich Frauen waren, die Abel gestürzt haben. Nur eben andere, als die, um die sich die Geschichte drehte.

Sonstiges

Ein paar Anmerkungen habe ich noch. Zum Beispiel gibt es ganz am Anfang des Buches eine sehr detaillierte Karte. Das Problem daran: Ein Großteil der eingetragenen Orte ist für die Geschichte überhaupt nicht relevant. Andere, etwa das Waisenhaus, fehlen einfach.

Dann ist die Geschichte an vielen Stellen einfach nicht konsequent. Das mit dem vermeintlich getöteten Baby habe ich ja schon erwähnt, aber dann werden an anderer Stelle dutzende Menschen mit Feuer verletzt. Im Waisenhaus werden viele versorgt, unter anderem Klara, eine Freundin von Eva. Doch am nächsten Tag ist von den vielen Verwundeten keine Rede mehr. Man erfährt nicht, ob sie weggebracht wurden, tot oder ausreichend geheilt sind zum Gehen. Sie sind einfach weg (S. 278). Das gleiche Prinzip greift bei Rahab, ebenfalls einer Rebellin, die im Zuge der Befreiung von Aaron und Chamuel von den anderen getrennt wird. Auch das ist dann kein für Martha wichtiges Thema mehr (S. 350).

Es fehlt weitgehend an Zeitangaben. Erst relativ spät im Buch wird deutlich, dass seit Adams Sturz erst rund ein Jahr vergangen ist (S. 237). Das wäre eine schöne Information gewesen für die Diskussionen um Abels bisherige Leistungen. die recht früh im Buch stattfinden. Als Leser ist es schwer, sich eine eigene Meinung zu bilden, wenn man nicht weiß, wie lange der Mann Zeit hatte, alte Strukturen zu verändern.

Und zu guter Letzt noch mein negatives Highlight: Wie kommt man in von Männern beherrschten Einrichtungen als Frau am besten durch? Richtig, man überwältigt Männer, nimmt deren Uniformen, verkleidet sich als Mann, redet mit tiefer Stimme und erledigt seine Sachen. Was in zahlreichen Büchern und Filmen funktioniert, klappt auch auf Selvia. Und zwar dreimal. Bei Kontakt mit Männern aus nächster Nähe. Kann man mal so machen.

Fazit

Auch diese Geschichte hat Potenzial, jedoch ist die Ausarbeitung meiner Meinung nach auf dem Level eines Entwurfs. Es gibt viele Logikfehler und Unklarheiten, die Charaktere sind oftmals sehr stereotyp und die eigentliche, sehr gute Botschaft des Buches verebbt wie eine Welle am Strand. Keine Leseempfehlung, eineinhalb von fünf Sternen.

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