Der Schatten des Windes

Titel: Der Schatten des Windes
Autor: Carlos Ruiz Zafón
Verlag: Roman Suhrkamp
Seitenzahl: 565
Erstveröffentlichung in Deutschland: 2003

Genre: Drama, Thriller

Klappentext

Als der junge Daniel den geheimnisvollen „Friedhof der vergessenen Bücher“ betritt, ahnt er nicht, daß sein Leben eine dramatische Wende nehmen wird. Der Schatten es Windes, das Buch, das er für sich auswählen darf, wird ihn nicht mehr loslassen. Immer mehr taucht Daniel in die faszinierende Handlung des Romans ein, und auch sein eigenes Leben scheint sich den Gesetzen dieser Geschichte zu unterwerfen…

Langrezi

Ich will nicht sagen, dass das Buch schlecht ist. Es hat seine Stärken, ließ sich schnell durchlesen, aber aufgrund einiger (beabsichtigter und unbeabsichtigter) Kniffe hat mich doch vieles an dem Buch gestört. Aber erst einmal ein etwas detaillierterer Einblick in den Inhalt.

Inhalt

Der etwa zehnjährige Daniel wächst einige Jahre nach dem spanischen Bürgerkrieg auf. Seine Mutter ist durch Cholera bereits gestorben, sein Vater, ein Buchhändler, zieht den Jungen deshalb alleine auf. Eines Tages nimmt der Vater den Jungen mit zum „Friedhof der vergessenen Bücher“, eine riesige Bibliothek, die aus Werken besteht, die durch das dortige Einlagern vor der völligen Auslöschung beschützt werden sollen. Daniel darf sich ein Buch mitnehmen und wählt „Der Schatten des Windes“. Er verschlingt das Buch und will noch mehr von Autor Julián Carax lesen. Doch das gestaltet sich als schwierig, denn es scheinen keine weiteren Bücher mehr zu existieren. Überhaupt weiß kaum jemand etwas über den Mann. Daniel begibt sich also in den folgenden Jahren auf die Suche nach Carax. Zudem hat er noch mit anderen Problemen, unter anderem in der Liebe, zu kämpfen.

Stil

Das ist eine ganz grobe Zusammenfassung, es gibt wirklich sehr viele Storyelemente. Das liegt auch daran, dass Daniel bei seiner Suche immer wieder Berichte von Augenzeugen bekommt, die dann als eigener Abschnitt, aus der dritten Person geschrieben, hineinfließen. Die Rahmenhandlung mit Daniel ist aus der Ich-Perspektive etwa 20 Jahre nach dem Fund des Buches erzählt. Erstaunlich daran finde ich, dass man von Daniel mit Abstand am wenigsten erfährt. Die ganze Zeit hatte ich das Gefühl, einfach nur jemandem zuzuschauen, wie er seinen Alltag verbringt. Einblicke in die Gedankenwelt, die sich bei dieser Erzählform ja anbieten wie kaum etwas anderes, sind sehr rar gesät. Dagegen sind die Rückblenden meistens emotional klarer; gerade die weiblichen Figuren bringen ihr Inneres zumeist deutlich besser rüber als Daniel.

Schwierig finde ich bei der Erzählung auch die Glaubwürdigkeit. Wenn ich heute etwas von vor einem Jahr erzählen müsste, würde es mir bei den wichtigen Dingen gelingen, bei Alltäglichem aber würde es mir sehr schwer fallen. Und wenn es dann um Blicke, Gesten, belanglose Kommentare geht, würde es bei mir aufhören. Daniel kann das alles aus viel größerem zeitlichen Abstand wunderbar wiedergeben, nur ganz am Ende, bei einem wirklich wichtigen Ereignis, fehlen ihm dann doch auf einmal ganze Dialogpassagen.

Ich muss aber sagen, dass das Buch wirklich schön geschrieben ist und einige Sätze trotz (oder wegen) ihrer Länge außergewöhnlich dahinfließen, die Übersetzung tut dem also keinen Abbruch. Hier ein Beispiel, das jetzt nicht sonderlich berührt, aber einen Eindruck bietet:

„Als der entscheidende Moment gekommen war, beschloß Pater Fernando, auf dessen vorteilhaft rosigem Gesicht ein seliges Lächeln leuchtete, in einem Aufschwung protokollarischer Zügellosigkeit, die Lektüre eines der beiden Korintherbriefe durch ein Liebesgedicht zu ersetzen, Sonett eines gewissen Pablo Neruda, den einige der von Señor Aguilar Geladenen als Kommunisten und Kulturbolschewiken identifizierten, während andere im Meßbuch nach diesen ungewöhnlich schönen heidnischen Versen blätterten und sich fragten, ob sich schon die ersten Auswirkungen des künftigen Konzils abzuzeichnen begännen.“

S. 551

Ein bewusst gewähltes Element, das für mein Empfinden aber zu stark eingesetzt wird, ist der Verweis auf das Schicksal und die Parallelen zwischen Daniel und Julián. Sehr viele Dinge passieren beiden, zudem sollen sie sich ähnlich sehen. Darüber hinaus weisen immer wieder Charaktere darauf hin, dass alles vorbestimmt ist. Und dem Folge leistend, wirkt die Geschichte dann auch an einigen Stellen arg konstruiert. Dazu unter dem Stichwort „Charaktere“ mehr.

Zum Inhaltlichen

Und daran anschließend, auch ein weiterer großer Kritikpunkt: Die Geschichte, so verkapselt sie auch ist, ist leider absolut vorhersehbar. Recht früh tritt ein vermeintlicher Antagonist auf, der Daniels Exemplar von „Der Schatten des Windes“ kaufen will. Mir ist bei diesem ersten Treffen recht klar, wer der Unbekannte ist. Daniel dagegen überlegt wirklich sehr lange, wer es sein könnte. Er setzt auch irgendwann einfach voraus, dass es Jorge, ein Jugendfreund von Daniel ist, während ich mich zu diesem Zeitpunkt gefragt habe, wie er auf diese Idee kommt. Auch andere Wirrungen lassen sich meistens schnell durchschauen. Nur mit dem Verbleib von Penélope, Juliáns Jugendliebe, habe ich nicht unbedingt gerechnet.

Ich war mir lange nicht sicher, wie die Geschichte zu lesen ist. Am Anfang wirkte sie wie eine Liebeserklärung an die Literatur mit der Nebenstory „Daniel wird älter, hat Liebeskummer und entfremdet sich von seinem Vater“. Dann ist es ein relativ einfach gestrickter Kriminalroman, zum Ende hin wird es mehr Drama und Thriller. Zwischendurch gibt es sogar einen kleinen unheimlichen Teil, vergleichbar mit dem in Effi Briest. Das ist auch alles in Ordnung, war für mich im Kopf aber jedes Mal eine Umstellung, die einige Seiten brauchte, auf denen ich mich nur gefragt habe, was da gerade vor sich geht; es fiel für mich halt erst einmal aus der normalen Geschichte. So heißt es am Anfang noch:

„Jedes einzelne Buch hat eine Seele. Die Seele dessen, der es geschrieben hat, und die Seele derer, die es gelesen und erlebt und von ihm geträumt haben.“

Daniels Vater, S. 10

Um die Literatur geht es im weiteren Verlauf des Buches aber immer weniger, auch „Der Schatten des Windes“ spielt nach dem Anstoß des Ganzen kaum noch eine Rolle. Deshalb war ich auch ein wenig über den Titel des Buches irritiert. Zwar bringt „Der Schatten des Windes“ alles erst in Gang, weil Daniel deshalb nach Julián sucht, aber über den Inhalt erfährt man nur in wenigen Sätzen überhaupt etwas.

Setting

Die Geschichte spielt vornehmlich in Barcelona. Die Stadt wirkt oft sehr bedrückend, häufig mit schlechtem Wetter verbunden, die Leute sind ruhig, in vielen Fällen passiv. Das passt gut und gibt ein rundes Bild ab. Immer wieder werden auch Einblicke in die Denkweise geliefert:

„Natürlich waren das andere Zeiten, damals hat sich die Macht noch in einzelnen Familien und Dynastien konzentriert. Das ist eine verschwundene Welt, deren letzte Überbleibsel die Republik weggeschwemmt hat, zum Guten vermutlich, und von ihr sind nur diese Namen im Briefkopf gesichtsloser Unternehmen, Banken und Konsortien geblieben. Wie alle anderen Städte ist auch Barcelona eine Summe von Ruinen. Die großen Herrlichkeiten, deren sich viele brüsten, Paläste, Faktoreien und Monumente, sind bloß noch Leichen, Reliquien einer untergegangenen Zivilisation.“

Pater Fernando, S. 241

Charaktere

Es treten dadurch, dass die Geschichte Daniels und Juliáns erzählt wird, relativ viele Charaktere auf, die, wie gesagt, mehr oder weniger Tiefe haben. Eine Entwicklung findet, mit ganz wenigen Ausnahmen, aber bei niemandem statt. Was allerdings darüber hinaus allen gemein ist, ist ihre Einsamkeit. Das fand ich wirklich schön erzählt, denn praktisch jeder ist auf seine Weise alleine. Sei es durch Entfremdung, durch vergebliche Suche nach dem Richtigen, weil man glaubt, es verdient zu haben oder durch äußere Umstände. Das passt wunderbar in das Setting nach dem Bürgerkrieg. Was wirklich stört, ist die Einstellung zu gesellschaftlichen Konventionen. Ich weiß, ein Großteil der Geschichte spielt in den 1930er- beziehungsweise 1950er-Jahren im sehr katholischen Spanien. Es mag durchaus realistisch umgesetzt sein, wenn wirklich mit härtesten Mitteln gegen vorehelichen Sex und der damit verbundenen Entjungferung von Frauen vorgegangen wird, in der Allumfassenheit dieser Konventionen störte es mich aber tatsächlich. Zudem wütet Inspektor Fumero wie er will. Nach dem Bürgerkrieg war die Ordnung sicherlich nicht perfekt, aber dass er wirklich ausnahmslos alles tun kann, was er möchte, erscheint mir drastisch.

Was auch sehr irritierend war, ist die Einstellung gegenüber Frauen generell. Fermín Romeo de Torres (dankenswerterweise meistens nur „Fermín“ genannt) ist ein bewusst sehr speziell gehaltener Typ, der gerne spezielle Meinungen vertritt, wenn aber auch eine Frau folgendes sagt:

„Ich verstehe ja, daß ein Mann manchmal seine Frau schlagen muß, damit sie weiß, wo’s langgeht, da sage ich nicht nein, es gibt viele Miststücke, und die Mädchen werden nicht mehr so erzogen wie früher, aber dem gefiel es, sie einfach aus einer Laune heraus zu verdreschen, verstehen Sie?“

Eine ehemalige Nachbarin von Carax, S. 140

Natürlich passt es sicher irgendwo in den historischen Kontext, aber ich finde, nur weil etwas von der Zeit her gegeben ist, muss man es nicht unkommentiert lassen. Ist hier und an anderen Stellen, wo es um sexistische Aussagen geht, der Fall.

[Hier folgt im nächsten Absatz ein Spoiler. Kein großer, aber ich wollte darauf hinweisen.]

Eine andere Charakterentwicklung ist die von Juliáns Vater, der ein echtes Arschloch ist. Das Zitat oben bezieht sich übrigens auf ihn. Er ist ein kleingeistiger, missgünstiger Choleriker, der mit verqueeren religiösen Ansichten sein Handeln gegenüber seiner Frau und seinem Sohn rechtfertigen will. Am Ende jedoch sieht er seinen Fehler ein, sucht vorsichtigen Kontakt zu seiner geflohenen Frau und nimmt Julián mit aller Liebe wieder auf, die er noch darstellen kann. Man fragt sich, wie das kommt. Man erfährt es nicht.

Fazit

Trotz aller Kritik war das Buch, wie gesagt, gut zu lesen. Die dramatischen Stellen, gerade in den Liebesbeziehungen, sind sehr einfühlsam, haben ein bisschen „Romeo und Julia“-Style, aber das muss ja nichts schlechtes sein. Ein großer Teil der Figuren hat bei mir keinen tieferen Eindruck hinterlassen, der Plot weiß nur selten zu überzeugen, die Sprache dagegen oftmals schon. Ich habe bei der abschließenden Recherche zu dieser Rezi gesehen, dass es noch drei weitere Teile gibt. Ich weiß noch nicht, ob ich sie lesen werde. 3 von 5 Sternen.

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