Das Phänomen Bücherschrank

Sie stehen an zentralen Orten, wirken trotzdem zumeist erst einmal unscheinbar – und werden doch von vielen Menschen regelmäßig frequentiert. Die Rede ist von Bücherschränken. Das Prinzip ist einfach: Wer Bücher abgeben möchte, stellt sie in die entsprechenden Schränke. Anonym, kostenlos, unbürokratisch. Auf der Suche nach neuem Lesestoff kann dann dort gestöbert und sich einfach etwas mitgenommen werden – ebenfalls ganz kostenlos. Die Idee dahinter ist so einfach wie bemerkenswert in der heutigen Zeit: Verschenke etwas, andere freuen sich vielleicht noch darüber. Sogenannte Buchschrankpaten kümmern sich um die Kästen.

In meiner Heimat Essen gibt es mehrere dieser Einrichtungen. Ich erinnere mich noch an Zeitungsartikel zum Start. Ein Buchschrankpate berichtete davon, dass er Bücher bei sich zwischenlagern musste, weil „sein“ Schrank schlicht zu voll war. Im Laufe der Jahre habe ich die Bücherschränke positiv zur Kenntnis genommen und habe mir beispielsweise Es dort geholt. Auch habe ich meinerseits schon zur Füllung beigetragen. Eine Bekannte von mir mit kleinem Budget macht regelmäßig Touren zu den Standorten. Die Auswahl hat manchmal einen Hang zum Altbackenen, es finden sich aber erfahrungsgemäß immer wieder Exemplare quer durch die Genres.

Meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben die Bücherschränke aber wieder so richtig, als das Coronavirus Deutschland erreicht hatte und die Einschnitte in den Alltag größer wurden. Ich bin ein paar Tage lang an einigen Schränken vorbeigekommen, und jedes Mal herrschte ein wahnsinniger Andrang vor den Klappen, Menschen verschiedenster Altersgruppen besorgten sich dort Lesestoff, bevor sie wegen einer befürchteten Ausgangssperre vielleicht nicht mehr raus dürfen, nehme ich an. Manchmal bildeten sich kleine Schlangen (ganz kleine, zugegeben). Auch wenn da der wenig später allgegenwärtige Sicherheitsabstand noch nicht eingehalten wurde: Die Bücherschränke erfüllen ihren Teil zur Hilfe in dieser Zeit.

Vielmehr beeindruckt mich aber die ganze Geschichte der Schränke, die ich mir in diesem Zusammenhang wieder vor Augen rief und auch ein bisschen dazu recherchiert habe. Natürlich gibt es auch an den Schränken Vandalismus, aber insgesamt überstehen sie (zumindest hier) den Alltag weitgehend unbeschadet. Sie sind eine kleine Insel, an der Leute einfach nett zueinander sind. Ich finde das bemerkenswert.

Liegt das daran, dass es sich um Bücher handelt? Ich weiß es nicht. Aber es gibt in Essen auch einen Schrank, in dem andere Gegenstände getauscht werden soll. Der sieht allerdings aus wie ein ausgeschlachtetes Auto und wird schon länger nicht mehr benutzt. Mit dem sind die Menschen definitiv nicht so nett umgegangen.

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Manchmal herrscht sogar einigermaßen Ordnung in den Schränken.

Jeder passionierte Leser wird mir recht geben, dass Bücher etwas Besonderes sind. Ich bin auch ein großer Film- und Serienfreund, aber die geschriebenen Geschichten haben noch einmal eine eigene Magie. Ob dieser spezielle Wert hilft, auch die Bücherschränke ein Stück weit zu schützen?

Ich weiß es nicht, und ich will auch gar nicht zu romantisch werden. Sicher schauen auch einige Menschen, ob sie die Bücher noch weiterverkaufen können, Zerstörung gibt es, wie gesagt, trotzdem noch dann und wann. Aber ich zumindest lege die moralischen Maßstäbe in der heutigen Gesellschaft relativ niedrig an.

Also geht doch mal wieder zum Bücherschrank – falls bei euch vorhanden – und schaut, ob ihr da etwas Schönes findet. Und bringt Bücher, die ihr loswerden wollt und für die es sowieso nicht mehr viel Geld gibt, doch einfach dort hin. Jemand anderes freut sich sicher drüber. Das System verdient es definitiv, noch erfolgreicher zu werden.

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